Wie man einen Ski baut. Und warum man es vielleicht lassen sollte.
Viele Jahre meines Berufslebens habe ich damit verbracht, Ski so zu bauen: Holz, Carbonfasern, Metall, Kunststoff. Epoxidharz. Presse. Temperatur, Druck.
Bei zai und zu Beginn bei JACOMET bin ich zwar weit aus dem üblichen Materialmuster ausgebrochen. Das Grundprinzip blieb: Materialien werden zu einem Verbund, ein Klebstoff hält sie für immer zusammen – Epoxidharz kennt kein Zurück. Seit Jahrzehnten baut man so. War Epoxidkleber die letzte grosse Erkenntnis des Skibaus – der Rest bleibt mehr oder weniger gute Dekoration drumherum? Also mit dieser komfortablen Annahme weiterleben und ja keine Fragen stellen?
Aus dem Abfallsack
Etwa 2008 ahnte ich, dass es auch anders gehen könnte. Bei zai kam ich über PEEK (Polyetheretherketon – Hochleistungsthermoplast mit aussergewöhnlicher Festigkeit) erstmals bewusst mit dem Thermoplast-Thema in Berührung. Das Potential, das mit Epoxid nie funktioniert hätte, elektrisierte mich. Aber bestimmte Voraussetzungen, auch technische, fehlten schlicht.
Ganz konnte ich es nicht lassen und baute in meiner Freizeit einen Ski aus Abfallsäcken, da sie aus Thermoplast bestehen. Ich schichtete Furnier und Abfallsackfolie abwechselnd aufeinander und presste das Ganze unter Hitze zusammen. Meine Hoffnung war, dass sich das PE (Polyethylen) beim Erwärmen in die Poren des Holzes einschleichen und so eine Verbindung entstehen würde. Für Belag und Kanten blieb ich beim Epoxidharz. Ich fuhr damit. Der Ski fiel nicht auseinander. Das war fast unverschämt.
Somit war ich einer spannenden Idee auf der Spur, und bewahrte den Ski wie einen Schatz auf – sozusagen in Abfallsäcken eingepackt.
Ski aus Furnier und Abfallsackplastik, ca. 2010. Belag und Kanten mit Epoxidharz. Er fuhr.
Mit dem Start von JACOMET Ski 2019 kam die Voraussetzung, die es brauchte. Keine Auftraggeber mit fixen Vorstellungen. Die totale Freiheit, die zugleich ein Fluch sein kann. Es hiess nun: Geht es auch anders? Warum akzeptiere ich, dass am Ende ein Verbund übrigbleibt, den man nicht mehr trennen kann?
Falsch abgebogen
Die Antwort war ein Verbund, der ein Zurück kennt – gehalten von thermoplastischen Klebefilmen statt Epoxidharz. Ich bat Pontacol um thermoplastische (TP) Klebefilme – eigentlich für andere Anwendungen gedacht – und legte los. Ich manövrierte auf Neuland, dachte, ich würde die Landkarte lesen können, oder GPS würde mich lotsen. Und ich manövrierte falsch! Auf der Suche nach neuen Lösungen versuchte ich diese paradoxerweise mit Erfahrungen zu lösen – ein Zeichen, dass ich mich nicht vom Alten gelöst hatte.
So kam der harte Schnitt: Ich musste eingestehen, dass mein Innovator-Gen die Realität optimistisch manipuliert hatte – und ich im Winter 2025/26 nicht verkaufsbereit war. Eine finanzielle Durststrecke war die Folge.
Ein Verbündeter ohne Vergangenheit
Lehrbücher gibt es bei Innovationen – zum Glück – nicht, aber ein neues Phänomen, das alles änderte, die KI. Sie hat keine alten Erfahrungen, die sie verteidigt, kein Gedächtnis, das Gewohnheit mit Erkenntnis verwechselt, kein Innovator-Gen, das ihr die Realität schönredet. Ermüdung kennt sie auch nicht: denselben Kontext zum zwanzigsten Mal erklären, Querverweise zu fremden Branchen ziehen – für sie Routine, für mich vorher unmöglich. Der Haken: Sie zweifelt auch nicht an sich selbst. Man muss ihr also misstrauen wie der eigenen Euphorie, nur aus anderem Grund.
Vor allem die Querverweise der KI und meine Lernbegierde waren ein guter Start. Intuitiv schlug ich Lösungen vor, liess sie bewerten, setzte manche trotz Warnungen um und beschrieb danach alle Schritte und Resultate sehr präzis und ehrlich. Ich hatte keine Scheu, blöde Fragen zu stellen und hochkomplexe Antworten zu erhalten.
In einem frühen Entwicklungsstadium konnte ich nachweisen, dass sich die Komponenten durch erneutes Erhitzen recyclieren liessen. Bei einigen Ski war das auf dem Entwicklungsweg gar nicht notwendig – die hatten sich schon vorher separiert oder taten dies während Fahrtests auf der Piste…
Nach dem erneuten Erhitzen können die Kanten und weitere Komponenten eines Ski recycelt werden.
Irgendwann, nach vielen Tests, kristallisierte sich eine innere Logik heraus: welche – vielen – Faktoren sich verändern und zu berücksichtigen sind. Der Verbund mit TP Klebefilmen schafft ein Energiesystem und da es im Verlauf der Entwicklung stimmiger wurde, wurde auch die Fahrleistung der Ski besser. Hört sich einfach an … aber eben erst, nachdem ich mehr Informationen in einem Winter gelesen, hinterfragt, dokumentiert und verstanden habe, als in all den Jahrzehnten davor.
Endlich konnte ich sagen, nicht etwas verbessert, sondern grundsätzlich neu gedacht zu haben.
Und der zweite Satz im Titel?
Rund drei Millionen Paar klassisch gebaute Alpinski kommen jedes Jahr neu auf die Welt – und irgendwann werden daraus drei Millionen Verbundprobleme, die sich nicht recyceln lassen.
Nachtrag
Die EU-Verordnung ESPR verlangt seit 2024 langlebigere, reparierbare und recycelbare Produkte. Ihre erste konkrete Massnahme – ein Verbot, unverkaufte Textilien und Schuhe zu vernichten – gilt ab Juli 2026 und wird ausdrücklich als «eine der ersten» bezeichnet, nicht als letzte.
Dazu kommt der Digital Product Passport, ein Materialausweis, der künftig für jedes Produkt zeigen soll, woraus es besteht und wie es sich trennen lässt.
Und in Österreich, Deutschland, Finnland und den Niederlanden ist das Deponieren von schwer trennbarem Verbundabfall schon heute verboten – ein Grund, weshalb sich sogar die Windindustrie 2021 selbst verpflichtet hat, ihre Rotorblätter nicht mehr zu vergraben.